Die deutsche Aktienkultur treibt regelmäßig orchideenhafte Blüten. Schon wer eine einzige Aktie besitzt, darf zur Hauptversammlung anreisen – und sich dort nicht nur verköstigen lassen, sondern auch Vorstand und Aufsichtsrat mit mehr oder weniger substantiellen Fragen und Anregungen malträtieren. Diese Gelegenheiten werden weidlich genutzt – auch bei der Audi AG in Neckarsulm, obwohl 99,55 Prozent der Aktien Volkswagen gehören. Der Rest allerdings befindet sich in Streubesitz, und von diesen Kleinaktionären haben sich zur Audi-Hauptversammlung 2017 nicht weniger als 700 angemeldet, um sich im Audi Forum von Vorstandschef Rupert Stadler und Finanzvorstand Axel Strotbek persönlich über die Lage des Unternehmens informieren zu lassen.

Ihnen wurde in Neckarsulm eine Mischung aus Optimismus und Zerknirschung geboten; der Dieselskandal ist offensichtlich noch nicht ausgestanden. Nicht nur Stadler und Strotbek, sondern auch der Aufsichtsratsvorsitzende Matthias Müller gingen auf die nach wie vor laufenden technischen Umrüstungen ein – und sie priesen die läuternde Wirkung, die der Skandal auf die Unternehmenskultur ausübe: “Der Aufsichtsrat hat großes Vertrauen, dass der Vorstand die Dieselkrise bewältigen wird und dass Audi gestärkt aus ihr hervorgehen wird”, hofft Müller.

Einige der anwesenden Aktionäre ließen sich von diesen äußerst konzilianten Äußerungen nicht bremsen; in der Aussprache wiesen Felix Schneider von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger und Andreas Breijs von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz relativ aggressiv auf die aus ihrer Sicht fehlende Transparenz und Aufbereitung des Dieselthemas hin. Aufsichtsratschef Müller ließ es sich nicht nehmen, Breijs’ Ausführungen direkt zu korrigieren: “Ihre Frau Wagner heißt Frau (Hiltrud) Werner, den ‘Tisch der Schande’ gibt es nicht, sondern einen Schadenstisch, und die von Ihnen genannte Sozietät Day Jones heißt Jones Day.”

Corporate-Governance-Experte Christian Strenger geißelte wiederum eine “Wagenburgmentalität” und beantragte, Vorstand und Aufsichtsrat die Entlastung für 2016 zu verweigern; es sei unwahrscheinlich, dass nur “subalterne Mitarbeiter” Kenntnis von den Manipulationen gehabt hätten. Georg Issels von der Beteiligungsgesellschaft Scherzer in Köln gab eine bizarre Bewertung nordamerikanischer Automobilhersteller zum besten und versäumte es nicht, mehrfach auf die von ihm vertretene Firma zu verweisen.

Teilweise kippte die Frage- und Antwortrunde ins Folkloristische, etwa als der Kleinaktionär Wilm Diedrich Müller dem Vorstand empfahl, auf das Autobauen zu verzichten – das könne “Volkswagen viel besser.” Ein anderer Redner unterhielt das Auditorium mit weitschweifigen Ausführungen über die Auswahl seines Privatfahrzeugs.

Ein Ausblick auf neue Produkte

Immerhin gab es auch substantielles zu erfahren. Der Vorstand berichtete, dass im Juli der neue A8 mit einem neuen Bedienkonzept auf den Markt kommt; 2018 lanciert Audi ein großes SUV-Coupé namens Q8 und 2019 das kompakte SUV-Coupé Q4; bis 2020 kommen außerdem drei Elektroautos auf den Markt. Bis 2025 soll jeder dritte Audi-Kunde auf einen Elektro-Audi umgestiegen sein. Und schließlich setzt man auch auf CNG: Die gasbetriebenen Modelle namens g-tron können den CO2-Ausstoß erheblich senken.

Um diese Diversifizierung zu schaffen, wird Audi an anderer Stelle sparen: Bis zu 40 Prozent der aktuellen Antriebsvarianten sollen gestrichen werden, das Portefeuille wird gestrafft. Und mit noch mehr Gleichteilen will Audi die Komplexität weiter reduzieren. Und es war noch zu erfahren, dass die Verkäufe in Großbritannien auf Rekordniveau liegen – trotz Brexit.

Mal hier, mal dort spendete das Auditorium Applaus, egal ob der Vorstand nun gelobt oder beißender Kritik unterzogen wurde. Es kommt eben auch auf den Unterhaltungswert an bei den Hauptversammlungen in Deutschland.

Und auf die Qualität des Buffets.


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QuelleAudi
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